Ich sehe es immer wieder, jeder kennt es: Das Unterbewusstsein beschäftigen Dinge, die im Oberbewusstsein garnicht so angekommen sind, bzw. nicht bewusst verarbeitet werden, sich aber trotzdem auf das Nervensystem auswirken. Ich würde es so vergleichen: Stell dir vor, du bist in deiner Wohnung und deine Zimmertüren sind etwas schmuddelig. Du registrierst, dass sie schmuddelig sind, aber du denkst dir „Ich mache sie später sauber“. Du hast ein Paket, dass du wegbringen musst, oder ein Gerät, dass du noch verkaufen musst und was, die ganze Zeit im Schrank steht. Dein Oberbewusstsein beschäftigt sich nicht mehr damit, dass deine Türen dreckig sind, dein Unterbewusstsein schon. Jedes Mal, wenn du unbewusst deine dreckigen Türen siehst, die du noch nicht sauber gemacht hast, wird es etwas in dir auslösen, ohne dass du es oberbewusst benennen kannst. Genau solche Prozesse finden auch psychisch statt. Es gibt Trigger, verschiedene Erinnerungen oder Auslöser, die eine körperliche Reaktion in die auslösen, die du so bewusst nie benennen könntest. Der Zeigarnik Effekt besagt, dass unfertige Aufgaben, das Unterbewusstsein mehr beschäftigen als abgeschlossene. Der Kopf liebt Abschlüsse. Ist man jemand, der viel nachdenkt, fällt es einem schwerer, sie zu finden. Laut Psychologin Dr. Roma Kumar wird jede Information zuerst für eine kurze Zeit im sensorischen Gedächtnis gespeichert. Wie sie aussieht, sich anhört, etc. Dann wandert sie ins Kurzzeitgedächtnis, wenn wir uns entscheiden, ihr Aufmerksamkeit zu geben. Wenn wir die dazugehörige Aufgabe nicht abschließen, wiederholt das Gehirn die gleichen Informationen immer und immer wieder und behält sie im Kurzzeitgedächtnis. Es denkt sich „Vielleicht brauche ich diese Information noch für eine Aufgabe“. Ist die Aufgabe abgeschlossen, wandert sie ins Langzeitgedächtnis, wird sozusagen archiviert (Sawhney, 2020).
Während ich das schreibe, ist kurz der Gedanke an eine alte Bekanntschaft aufgeflammt, die sich leider auseinandergelebt hat. Die dazugehörigen negativen Emotionen auch. Die Erinnerung ist nur noch so stark, weil es viel zu analysieren gibt, sie noch nicht abgeschlossen ist. Aber ich bin gerade mit Schreiben beschäftigt, weswegen ich ihnen gerade keinen Platz geben kann bzw. will. Wo gehen sie hin? Verteilen sich im Körper, ohne verarbeitet zu werden, wie Schlacke, die nicht abgeführt wird, wie ein Tab in einem Internetbrowser, der für später aufgehoben wird und der den Arbeitsspeicher belastet. Laut Pennebaker führt das aktive Unterdrücken von Emotionen zu übermäßigem Verbrauch körperlicher Energie und Stress (Pennebaker, 1989). Sie werden zu somatischen Markern, die sich in mein System integrieren und mir ein schlechtes Bauchgefühl geben, wenn ich an das Thema denke, ohne das ich es steuern kann.
Aber die Lösung ist auch nicht, das sofortige Lösen der Probleme. Das sich mit etwas Beschäftigen muss zielgerichtet sein, wenn man es verarbeiten will. Vielleicht ist es auch wichtig, sich das ganze entsprechend nicht als zu lösendes Problem zu framen.
James Pennebaker führte 1986 eine Studie durch, in der er 46 Probanden zielgerichtet über emotionale Themen hat schreiben lassen. Über vier Tage sollten sie 15 Minuten ihr Herz und ihre tiefsten Gefühle auf das Blatt bannen. Die Ergebnisse zeigten, dass zwar kurz nach dem Schreiben der Bluttdruck und die negative Stimmung größer war, die Probanden jedoch in den folgenden Monaten deutlich weniger Arztbesuche hatten. (Pennebaker, 1989). Weitere Ergebnisse aus späteren Studien unterstützten dies. Das Schreiben über emotionale Themen verbessert das Immunsystem, die Offenheit veringert die Herzfrequenz und die elektrodermale Aktivität (Stressreaktionen des Körpers). Es verbessert die Stimmung und verringert den wahrgenommenen Stress generell. (Pennebaker, 1997)
Studenten, die darüber schreiben haben bessere Noten. Universitätsangestellte sind seltener Krank und Gekündigte finden schneller einen neuen Job. Dazu ist beobachtbar, dass die Probanden mit öfterem Schreiben mehr kognitive Wörter wie „weil“, „verstehe“ und „realisiere“ nutzen, was augenscheinlich ihr Verständnis von sich selbst schärft und befähigt, Verknüpfungen herzustellen, die vorher nicht da waren.
Wie schreibt man zielgerichtet? Die Schreibaufforderung Pennebakers war:
„In den nächsten drei Tagen möchte ich, dass du über deine tiefsten Gedanken und Gefühle zu einem emotionalen Thema schreibst, das dir sehr am Herzen liegt und das dich und dein Leben geprägt hat. Ich möchte, dass du dich beim Schreiben ganz gehen lässt und deine tiefsten Emotionen und Gedanken erforschst. Ihr könnt euer Thema mit euren Beziehungen zu anderen verbinden, einschließlich Eltern, Partnern, Freunden oder Verwandten; mit eurer Vergangenheit, eurer Gegenwart oder eurer Zukunft; oder damit, wer ihr gewesen seid, wer ihr gerne sein möchtet oder wer ihr jetzt seid. Ihr könnt an allen Tagen über dieselben allgemeinen Themen oder Erfahrungen schreiben oder jeden Tag über andere Themen. Alle eure Texte werden absolut vertraulich behandelt. Mach dir keine Gedanken über Rechtschreibung, Satzbau oder Grammatik. Die einzige Regel lautet: Sobald du mit dem Schreiben beginnst, schreibe so lange weiter, bis die Zeit abgelaufen ist.“
Was kann man also tun? Beschäftige dich mit der schmuddeligen Tür. Finde und schließe den Tab, den du in deinem Unterbewusstsein noch offen hast, und der so viel Energie frisst. Schreibe über das, was dich bewegt und lasse deinen Selbstbeobachtungen und Emotionen freien Lauf.
Quellen
Pennebaker, J. W. & Beall, S. K. (1986). Confronting a traumatic event: Toward an understanding of inhibition and disease. Journal Of Abnormal Psychology, 95(3), 274–281. https://doi.org/10.1037/0021-843x.95.3.274
Pennebaker, J. W. (1997). Writing About Emotional Experiences as a Therapeutic Process. Psychological Science, 8(3), 162–166. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.1997.tb00403.x
Sawhney, V. (2020, 12. Oktober). Why Your Brain Dwells on Unfinished Tasks. Harvard Business Review. https://hbr.org/2020/10/why-your-brain-dwells-on-unfinished-tasks
